Page 29 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar 2026
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FÜR SIE GELESEN
bemerkenswerte, durchaus spannende und auch nachvollzieh- Gespensterfische
bare Geschichten, die lange im Gedächtnis bleiben.
Sein 2025 im Diogenes Verlag erschienener Roman „Was wir Svealena Kutschke
wissen können“ steht wieder in diesem Kontext, beschreibt je-
doch nicht nur wie in seinen vorherigen Romanen Konflikte 224 Seiten
einzelner Personengruppen, sondern blickt auf unsere aktuelle ISBN 978-3-7317-0017-3;
Welt aus der Perspektive des nächsten Jahrhunderts. Seine 18,99 €
Hauptfiguren sind hauptsächlich Intellektuelle. Ausgangspunkt
ist ein Sonettenkranz, den ein berühmter englischer Dichter
2014 nur für seine Frau zu deren Geburtstag verfasste, im klei-
nen Gästekreis der Freunde ein einziges Mal vortrug und der
seither als verschollen galt, da er dieses nur auf einer Perga-
mentrolle und nicht im Internet festhielt. Die Geburtstagsgäste
waren von dem Inhalt vor Begeisterung wie betäubt, sprachen
und schrieben über dieses grandiose Werk, der den Gang der An der schönen Ostsee fiel mir in einer ebenso schönen Buch-
Geschichte hätte verändern können. handlung der o.g. Titel ins Auge. Ohne den Inhalt zu kennen,
Mehr als 100 Jahre später ist nach globalen Katastrophen und erwarb ich diese Preziose und bin dankbar, dies getan zu ha-
lokalen Kriegen die Welt eine andere, die Menschheit aber je- ben. Dieses 2025 erschienene Buch handelt, anders als der Titel
doch nicht gänzlich verschwunden. England ist durch Überflu- es vermuten lässt, von einer Geschichte der Psychiatrie über
tung nur noch in kleineren Archipelen vorhanden, auf denen 100 Jahre. Es packt uns Lesende von Beginn an und zieht uns
aber wie in einem kleinen Kosmos das menschliche Dasein in tief in den Sog des Geschehens. Die Protagonisten sind alle mit
üblichen Bahnen dahinzieht. Auch wenn ganze Landstriche und der die Handlung bestimmenden psychiatrischen Klinik ver-
Bevölkerungen ausgelöscht wurden, gilt das nicht für die Infor- bunden, Pflegekräfte, ärztliches Kollegium sowie Patientinnen
mationen des Internets. So ist ein Doktorand der literarischen und Patienten. Hierbei springt die Autorin von den 1990er-Jah-
Fakultät aus dem nächsten Jahrhundert fasziniert von den Ge- ren zu den 1920er-Jahren, in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg und
rüchten über den verschwundenen Sonettenkranz und ver- in weitere Zeitebenen. Dies ergibt sich ganz natürlich ohne sti-
sucht, in der Vergangenheit – unserer aktuellen Gegenwart – zu listische Brüche. Wir Lesende können der Handlung stets gut
recherchieren. folgen und freuen uns auf weitere Zeitsprünge, um mehr erfah-
McEwans teilt seinen Roman in zwei Teile. Auch wenn im zwei- ren zu können über das Innenleben der Geschilderten. Es ist ein
ten die Beschreibungen anfänglich etwas schleppend und er- breiter thematischer Blumenstrauß zwischen empathischer
wartbar verlaufen, weiß der Autor zügig zu überraschen und Behandlung, Medikamentenversuchen in den 70er Jahren ohne
brilliert mit seiner tiefen Kenntnis menschlicher Charaktere, die Aufklärung der Betroffenen, Schilderungen der Euthanasie in
zeitlich unabhängig Bestand haben und den Leser emotional der Nazizeit sowie Krankheitsverläufen. Die Autorin schildert
zur Positionierung zwingt. einfühlsam die Sicht der psychiatrieerfahrenen Personen und
Das Szenarium ist bedrückend, zumal der Autor die aktuelle die Auswirkungen psychischer Erkrankungen im Alltag. Dies ge-
geopolitische Lage zum Zeitpunkt des Schreibens seines Ro- schieht wertschätzend mit viel Menschenliebe, ohne Veralbe-
mans nicht kennen konnte, aber retrospektiv betrachtet, be- rungen, aber durchaus mit feinfühligem Humor.
ängstigend real beschreibt. Seine Zukunftsgedanken sind leider
schon heute teilweise Realität. So birgt seine dystopische Ge- Ein wirklich tolles Buch, das mehr Aufmerksamkeit verdient.
schichte zweifelsfrei reale Möglichkeiten. Dieser Spagat zwi-
schen Realität und Fiktion ist spannend zu lesen, zwingt zum Dr. Jan Lichte, Stavenhagen
Nachdenken und macht auch ein wenig Angst.
„Was wir wissen können “ beschreibt sowohl gesellschaftliches
als auch persönliches Handeln und deren Folgen. Ich kann Bar-
bara Villiger Heilig, Redakteurin der neuen Züricher Zeitung nur
zustimmen: „Ein so hochliterarischer wie engagierter Zeitdiag-
nostiker.“
Dr. Evelin Pinnow, Ludwigslust
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