Page 25 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar-Ausgabe 2025
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KONGRESSBERICHT




      lung  einer neonatologischen  Versorgung  aller
      Neugeborenen im Bedarfsfall einschließt. Prof.
      Michael Abou-Dakn (Berlin) ergänzte, dass es
      nicht das Ziel sei, die hebammengeleitete Geburt
      abzulehnen, abgelehnt wird jedoch der Versuch
      die geburtshilfliche ärztliche Kompetenz auszu-
      schließen. Eine deutschlandweite Umfrage zeig-
      te, dass die ärztliche Versorgung und die ärztliche
      Präsenz in der Geburtshilfe auch von den betrof-
      fenen Frauen als wichtig wahrgenommen wer-
      den. Die Erfahrung mit hebammengeleiteten
      Kreißsälen zeigt außerdem, dass jede zweite Ge-
      burt trotz initial fehlender Risikofaktoren im Ver-
      lauf in eine ärztliche Leitung überführt wird. Dr.
      Maike Manz (Darmstadt) wies darauf hin, dass
      aktuell mehr als jedes zehnte Kind in einer ge-
      burtshilflichen Einrichtung mit zu niedrigem Ver-
      sorgungslevel geboren und damit nicht optimal
      versorgt wird. Prof. Angela Köninger (Regens-
      burg) stellt in diesem Zusammenhang klar, dass   Im Rahmen des 65. DGGG-Kongresses übergab DGGG-Pastpräsidentin Prof. Barbara
      gerade in ländlichen Regionen die Notwendigkeit   Schmalfeldt den Staffelstab an den neuen Präsidenten Prof. Gert Naumann.
      längerer Fahrwege selbstverständlich ist und für                                              Foto: DGGG e.V
      eine optimale medizinische Versorgung in einem
      Zentrum bereitwillig akzeptiert wird. Allerdings wurde auch   der Frühgeburt, aber auch eine Differenzierung von ärztlich
      betont, dass eine „kalte Strukturbereinigung“, wie sie derzeit   indizierter und spontaner Frühgeburt oder die Anwesenheit
      im Gange ist und sowohl kleine als auch große Kliniken be-  eines neonatologischen Teams werden hingegen bisher nicht
      trifft, nicht dem qualitätsfördernden Konzept einer Zentrali-  erfasst. Kritisch zu bewerten sind auch die im Rahmen des
      sierung entspricht. Derzeit stehe nicht die Entwicklung trag-  Klinikatlas präsentierten quantitativen Daten, welche keine
      fähiger Krankenhausstrukturen im Vordergrund, sondern die   Einschätzung der Versorgungsqualität erlauben.
      besorgniserregende Entwicklung wird durch ökonomische   Natürlich gab es auch eine Vielzahl wissenschaftlicher Sitzun-
      Zwänge dominiert. Der Kongresspräsident PD Dietmar   gen rund um die Geburtshilfe. Ein Schwerpunkt gleich in meh-
      Schlembach (Berlin) wortwörtlich: „So kann es nicht weiterge-  reren Sitzungen betraf die postpartale Versorgung von in der
      hen“. Und Prof. Ekkehard Schleußner fügte hinzu, dass derzeit   Schwangerschaft erkrankten Frauen. Unter dem Schlagwort
      im Gesundheitswesen allein die Kaufleute das Sagen haben   „das vierte Trimenon“ betonte Prof. Tanja Groten (Jena) die
      – eine bittere Feststellung, die leider den überwiegenden Teil   Notwendigkeit einer konsequenten interdisziplinären Weiter-
      der klinischen Versorgung betreffen dürfte.          betreuung von Frauen nach hypertensiven Schwangerschafts-
                                                           erkrankungen. Es ist inzwischen erwiesen, dass diese Frauen
      Qualitätssicherung in der Geburtshilfe               ein lebenslang erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Folgeer-
                                                           krankungen ausweisen und damit langfristig medizinisch ver-
      Ein weiteres politisch geprägtes Thema war der Aspekt der   sorgt werden müssen. Eine konsequente postpartale Blut-
      Qualitätssicherung in der Geburtshilfe. Die bisher erhobenen   druckeinstellung (Zielblutdruckwerte < 135/85 mmHg) kann
      Parameter müssen kritisch hinterfragt werden, so Prof. Franz   das Risiko späterer Komplikationen verringern. Die AGG „Hy-
      Kainer (Nürnberg). Planungsrelevante Qualitätsindikatoren   pertensive  Schwangerschaftserkrankungen“  hat  im  Rahmen
      wie beispielsweise die Rate einer antenatalen Steroidprophy-  der aktuellen Leitlinienüberarbeitung einen Nachsorgepass
      laxe bei Frühgeburten oder einer perioperativen Antibiotika-  für Mütter nach Präeklampsie entwickelt, welcher online u.a.
      prophylaxe bei Kaiserschnitt würden die Qualität der geburts-  über die AWMF und die AGG verfügbar ist. Auch Frauen nach
      hilflichen  Versorgung  nicht  adäquat  widergeben.  Relevante   Schwangerschaftsdiabetes bedürfen einer langfristigen Über-
      Aspekte wie die Schwangerschaftsprolongation bei drohen-  wachung.


      AUSGABE 2/2025 35. JAHRGANG                                                                            Seite 61
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