Page 29 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Januar-Ausgabe 2025
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PERSONALIEN
physiologie, Diagnostik und Therapie. Die damals begrenzten Er war Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft (AG) Kinderneph-
Behandlungsmöglichkeiten der chronischen Niereninsuffizienz rologie im Januar 1971 und der AG Peritonealdialyse der DDR
veranlassten ihn Anfang der 70er-Jahre zu ersten Behandlungs- 1976. Ende der 80er-Jahre wurde Prof. Stolpe zum Sekretär der
versuchen mittels Peritonealdialyse. Die entsprechenden Lösun- „Gesellschaft für Nephrologie der DDR“ gewählt.
gen dafür wurden in der Zentralapotheke des Klinikums herge- Während der Zeit der „Wende“, die für uns alle eine Zäsur dar-
stellt. Die Applikation erfolgte durch modifizierte Kunststoffka- stellte, vollzog Prof. Stolpe als amtierender Vorsitzender der AG
theter. Kindernephrologie der DDR gemeinsam mit dem Präsidenten
Die ersten Behandlungen mittels Hämodialyse chronisch nieren- der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Nephrologie (APN) der
insuffizienter Kinder führte er in Zusammenarbeit mit der Uni- BRD im März 1991 organisatorisch die Zusammenführung beider
versitätsklinik für Innere Medizin durch und konnte 1972 einen AG unter dem Namen APN, jetzt GPN (Gesellschaft für Pädiatri-
Jungen zur erfolgreichen Transplantation bringen (das erste Kind sche Nephrologie). Wie in der AG der DDR wurde er in der nun
in der DDR). gemeinsamen AG von Kollegen aus Ost und West sehr geschätzt
Sein weiterer klinischer Weg war geprägt von dem Willen, Mög- und 2005 zum Ehrenmitglied der GPN ernannt.
lichkeiten der Nierenersatztherapie für Kinder an der UKJ zu eta- Im Rahmen der Akademischen Selbstverwaltung leitete Prof.
blieren. Entgegen allen Widerständen, auch politischer Art, denn Stolpe während der Wendezeit erfolgreich eine Übernahmekom-
Prof. Stolpe war kein SED-Parteimitglied, gelang ihm dieses mission für das mittlere medizinische Personal, eine nicht leichte
durch Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen. So wurde am und manchmal auch psychisch belastende Aufgabe, war Mitglied
13. Dezember 1977 das 2. Kinderdialysezentrum in der damali- des Konzils der Universität und der Habilitationskommission der
gen DDR in der UKJ Rostock eröffnet. Dieses ist unverändert prä- Medizinischen Fakultät.
sent, seit April 1992 als Kinderdialysezentrum der UKJ in Koope- Für seine Mitarbeiter war Prof. Stolpe ein stets loyaler Chef. Er
ration mit dem Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantati- achtete die Meinung anderer und akzeptierte diese bei Stichhal-
on e.V. (KfH) und nun mit modernster Ausstattung. tigkeit. Der offene Austausch von Wissen, das Hinterfragen von
Bis 2005 wurden 100 Kinder in diesem Zentrum behandelt und Daten und Argumenten zur bestmöglichen Therapie war ihm
60 Kinder zur Transplantation gebracht. Prof. Stolpe kannte je- wichtig. Sehr schätzten wir seine Eigenschaft, jederzeit und in
des dieser Kinder und blieb noch Jahre nach der Transplantation jeder Situation Verantwortung für seine Mitarbeiter zu überneh-
mit ihnen in Verbindung. men und ihnen damit ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Unsere
Mit seinem exzellenten und vielseitigen Wissen ermöglichte er jahrzehntelange Zusammenarbeit war von Kollegialität und Har-
jederzeit die Behandlung nierenkranker Kinder auf der Nephro- monie geprägt, wofür wir sehr dankbar waren und sind.
logischen Spezialstation und in der Nephrologischen Spezialam- Entspannung und Erholung fand Prof. Stolpe beim Angeln in Bä-
bulanz mit neuestem Therapiestandard. Zum Wohle seiner Pati- chen, Seen und Meeren, beim Reparieren seines geliebten Autos,
enten hatte er immer „die Nase im richtigen wissenschaftlichen den VW Käfer, und in seinem familiären Rückzugsort in Rerik.
Wind“. Auch wir profitierten davon. Prof. Stolpe wird nicht nur als Begründer der Pädiatrischen Ne-
So beschäftigte sich Prof. Stolpe wissenschaftlich u.a. mit dem phrologie und der Kinderdialyse in Mecklenburg-Vorpommern
Vitamin D- Metabolismus, dem renalen Kleinwuchs, der Cystino- sondern auch allen, die mit ihm zusammenarbeiten durften und
se, einer damals in ihren Ursachen noch unbekannten Stoff- von ihm ärztlich betreut wurden, in Erinnerung bleiben.
wechselerkrankung, dem Phosphatdiabetes, dem Lupus Erythe- Unser Mitgefühl ist bei seiner Familie und Freunden, die einen
matodes und der Proteinrestriktion in der Niereninsuffizienz. Als lieben, hochgeschätzten Menschen verloren haben.
Ergebnis der genannten Forschungen und den sich daraus erge-
benden Publikationen war Prof. Stolpe schon Ende der 80er- In tiefer Dankbarkeit für sein Wirken werden wir sein Andenken
Jahre an einer bundesdeutsch, später europäisch angelegten in Ehren halten.
Studie der Heidelberger Kollegen zum Einfluss des Nahrungspro-
teins auf die Progression der Niereninsuffizienz mit Patienten aus Im Namen aller ehemaligen Mitarbeiter
der Klientel der UKJ beteiligt. Die Ergebnisse fanden in internati-
onal anerkannten Publikationen und in Vorträgen auf internatio- Prof. Dr. med. habil. Marianne Wigger
nalen Kongressen ihren Niederschlag. Dr. med. Erdmute Drückler
Daneben engagierte sich Prof. Stolpe mit seiner langjährigen Er- Dr. med. Gerlinde Adomßent
fahrung und fachlichen Kompetenz sowohl in Fachgesellschaften
als auch in der Akademischen Selbstverwaltung.
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