Page 32 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Januar-Ausgabe 2025
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GLOSSEE GELESEN
F Ü R S I
Altern zahlreiche (!) geistreiche Zitate und Textpassagen, z.B. von
Schopenhauer, Julian Green, Simone de Beauvoir, Jane Camp-
Elke Heidenreich bell, Oscar Wilde oder Jean Paul sowie Bibelauszüge. Natürlich
11. Auflage 2024, gebunden, immer mit ihren persönlichen Kommentaren versehen.
111 Seiten Ein anderer Punkt sind die sich häufenden Verluste: „Das ist die
entsetzliche Seite des Altwerdens: dass sich die Reihen so grau-
Carl Hanser Berlin 2024 in der
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, sam lichten.“
München Oder sie berichtet über die Entfremdung von einer sich für sie
viel zu rasant digitalisierenden Welt.
ISBN: 978-3-446-27964-3; 20 €
Auch auf die Abrechnung mit dem Schönheitswahn der Promis
lässt sie sich ein.
Weiterhin nennt sie Einflussfaktoren, die zu einem guten Altern
Auf in den (Un-) Ruhestand! beitragen, wie z.B. ein ausgewogenes soziales Umfeld, Gesund-
Alle wollen alt werden, aber niemand will es sein. heit, Tätigkeit, Aufgaben haben und gefordert zu sein.
Der Widerspruch ist absurd, das Leiden daran real. Am Ende des Buches steht Elke Heidenreich in ihrem Garten und
Geht das, alt werden und ein erfülltes Leben führen? blickt den Zugvögeln hinterher.
Elke Heidenreich erzählt klug, z.T. auch lustig über ihr eigenes „Ich freue mich jedes Jahr darauf, und ich denke jedes Jahr: wie
Leben und das Altwerden. oft noch?“
Heidenreich arbeitete für Hörfunk und Fernsehen, schrieb zahl- Im Alter trägt man die Konsequenzen für alles, was man im Le-
reiche Bestseller und ist auch heute noch omnipräsent, mittler- ben getan hat. Aber mit den Jahren kommt auch die Gelassen-
weile über 80 Jahre alt, sieht aus wie 60 und redet und schreibt heit, und man begreift: „Das meiste ist vollkommen unwichtig.
wie 40. In jüngeren Jahren vielfach vorlaut und unangepasst – Man sollte einfach atmen und dankbar sein.“
und so ist sie geblieben. Die Autorin schreibt in der ihr eigenen Art sehr persönlich und
Dazu gleich eine Leseprobe: „Im Moment haben ja alle Depressi- ehrlich über ein ernstes Thema: das Altern und wie sie es selbst
onen, Lastenfahrräder und Gluten – oder wenigstens Laktoseun- erlebt.
verträglichkeit. Das vergeht auch wieder…“ Generell ist es ein positives Buch, ohne dabei die dunklen Sei-
Bereits auf der ersten Buchseite knallt es: „Ich habe mein Leben ten des Älterwerdens, etwa Einsamkeit, Armut, Krankheit oder
komplett in den Sand gesetzt.“ Pflegebedürftigkeit, zu verschweigen. Leider sieht die tatsäch-
Man ist irritiert und denkt, folgt nun die Lebensabrechnung ei- liche Wirklichkeit bei vielen Menschen ganz anders aus.
ner bissigen Alten? Heidenreich ist sich ihrer privilegierten, fast sorgenfreien Alters-
Aber nein, es wird im weiteren Text doch sehr sachlich und so- Situation bewusst und beweist im Buch große Dankbarkeit. Sie
gar charmant. hatte viel Glück, u.a. auch mit ihrer gegenwärtigen Partner-
Das Nachdenken über ihr Leben heißt vor allem, über ihre Be- schaft.
ziehungen zu anderen Menschen zu reflektieren. Die Lektüre enthält einige aufschlussreiche Gedanken und
So erfährt man einiges über ihre Kindheit, zerstrittene Eltern, Denkanstöße, auch ein Stück Lebensphilosophie.
gefühlskalte Pflegeeltern, eigenen, schweren Krankheiten,
Scheidungen und anderen Krisen. Prof. H.H. Büttner, Wismar
Diese Ereignisse werden jetzt vom Standpunkt des Lebenser-
fahrenen mit versöhnlicher Perspektive vorgetragen, teilweise
könnte man es auch als Rechtfertigung des eigenen Lebens-
entwurfes verstehen:
„Das Leben ist eine Kette von Irrtümern, sind die zu Ende, ist alles
zu Ende.“
Heidenreich verfasst nicht nur eine Mini-Autobiografie, sondern
vertieft und umkreist auch die großen Themen des Alterns in
unserer Zeit.
Dabei können nur wenige Aspekte angesprochen werden.
Für ihre Erzählung nutzt sie ihre große Bibliothek und bringt
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