Page 16 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar-Ausgabe 2025
P. 16

AKTUELLES



           Long Covid – eine umstrittene Diagnose (?)



           Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider ; Prof. Dr. Carsten² Spitzer und Dr. Tobias Wilfer²
                                           1



           In der Folge der Covid-19 Pandemie haben sich vielfältige   myelitis/Chronic Fatigue (ME/CFS). Neben Kliniken und Ambu-
           Belastungen ergeben. Dazu gehören die gravierenden me-  lanzen haben sich mittlerweile auch eine Reihe von Rehabilita-
           dizinischen, sozialen, psychologischen aber auch ökonomi-  tionskliniken auf die Behandlung dieser Störungsbilder spezia-
           schen Folgen. Gesellschaftlich war durch die Pandemie eine   lisiert und es sind Privatinstitute zur Diagnostik und Beratung
           aufgeheizte Stimmung entstanden, die durch die sozialen   bei Long-Covidpatienten entstanden. Darüber hinaus erfolgen
           Restriktionen und Impfkampagnen angefeuert wurde. Die   durch  unterschiedlichste  Auftraggeber  umfangreiche  Begut-
           Polarisierung zwischen Individuen, die sich den offiziellen   achtungen mit den verschiedensten Fragestellungen. Die hier
           wissenschaftlichen und politischen Wertungen angeschlos-  dargestellten Entwicklungslinien können für die verschiedenen
           sen haben und Coronaleugnern sowie Impfgegnern hat ein   Akteure sowohl aus finanziellen Motiven oder auch aus wissen-
           akzentuiertes Ausmaß angenommen, das sich auch auf der   schaftlichen Gründen von Interesse sein.
           politischen Ebene in der Form von Demonstrationen und   Im klinischen Feld findet sich diese Gemengelage in vielfältigen
           Verschwörungstheorien geäußert hat.                  Facetten (siehe z.B. Maibaum 2024). Diese umfassen z.B. die Er-
                                                                wartung von Patienten, dass sie seitens ihrer behandelnden
                                                                Ärzte Unterstützung erhalten, die sowohl eine angemessene
           Aktuell sind für die medizinische Versorgung insbesondere et-  Diagnostik und Therapie als auch die Entlastung von der Arbeit
           waige Langzeitfolgen der Covid-Infektionen von Relevanz, die   bzw. auch im privaten Umfeld durch die Krankschreibung bein-
           durch das Leitsymptom einer tiefgreifenden Erschöpfung und   haltet.
           einer bunten Vielfalt von unterschiedlichsten Symptomen cha-  Wir haben in persönlichen Gesprächen oder Balintgruppen mit
           rakterisiert sind, zu denen z.B. Schmerzen, kognitive Funkti-  ärztlichen Kolleginnen und Kollegen häufig erfahren, dass die
           onsstörungen und Störungen des Geruchssinns gehören. Diese   hier besprochene Thematik im klinischen Alltag eine besondere
           unklaren Krankheitsbilder werden mittlerweile nicht nur im   Dynamik entwickelt, die die Anerkennung der Diagnose Long-
           engeren medizinischen Sektor intensiv diskutiert. Auch hier fin-  Covid oder Post Vac durch die Ärzte umfasst. Der Sachverhalt,
           det sich eine Polarisierung zwischen Anhängern des organme-  dass diese Diagnosen auch innerhalb der Medizin weitgehend
           dizinischen Verständnisses der beschriebenen Syndromatik als   umstritten sind, führt dazu, dass gerade die Patientinnen und
           langfristige Folge einer Infektion mit Covid-19 (Long Covid) so-  Patienten oder Selbsthilfegruppen, die davon überzeugt sind,
           wie kritischeren Sichtweisen, die diese Phänomene am ehesten   unter einer Long Covid erkrankt zu sein oder einen Impfscha-
           als psychosomatisch begründet ansehen oder andere psycho-  den erlitten zu haben, sehr sensibel darauf achten, welche Ein-
           soziale Motive annehmen. Und diese Themen berühren nicht   stellung und Haltung ihre Ärztin oder ihr Arzt gegenüber diesen
           nur die Ärzteschaft und die Patientinnen und Patienten, son-  Problemstellungen haben. Sie zeigen oftmals die Befürchtung,
           dern  sind  mehr  oder  weniger  von  gesamtgesellschaftlichem   dass sie mit ihren Problemen von diesen in eine „Psychoecke“
           Interesse. So gibt es einen erheblichen Druck auf die Gesund-  geschoben werden. In einer Balintgruppe berichtete z.B. ein
           heitspolitik, die Long-Covid-Problematik, deren Therapie und   Kollege aus einer Praxisgemeinschaft, dass ein Patient ihn di-
           Rehabilitation zu beforschen und dafür umfangreiche finanzi-  rekt gefragt habe, ob er die Erkrankung einer Long Covid aner-
           elle Mittel zur Verfügung zu stellen. Neben der Long-Covidstö-  kenne oder nicht.
           rung hat sich mittlerweile auch das Post-Vac(cination)-Syndrom   Vor dem Hintergrund dieser Gesichtspunkte ist unsere Motiva-
           etabliert, das als Folge der Impfung gegen das Virus verstanden   tion entstanden, diese komplexe Fragestellung zu untersuchen.
           wird. Gebündelt werden diese verschiedenen Symptomkons-  Dabei interessiert uns primär, wie sich diese Problematik im
           tellationen im Krankheitskonzept der Myalgischen Encephalo-  System der ärztlichen Versorgung darstellt. Eine weitere inter-
                                                                essante Frage besteht unseres Erachtens darin, wie seitens der
                                                                medizinischen  Versorger  mit  dieser  Thematik  umgegangen
           1  Bis 2018 Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psycho-
           therapie, Universitätsmedizin Rostock                werden sollte, wenn die geschilderten „ideologischen Gräben“
           2  Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsme-
           dizin Rostock                                        auftreten sollten. Unser Anliegen besteht also in der Hauptsa-

       Seite 52                                                                      ÄRZTEBLATT MECKLENBURG-VORPOMMERN
   11   12   13   14   15   16   17   18   19   20   21