Page 4 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar 2026
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EDITORIAL
Medizin im Wandel – Fortschritt braucht
Haltung
Vor einiger Zeit war ich zu Besuch in Halle Lebensentwürfe und Führungskulturen.
an der dortigen Martin-Luther-Universität Studien zeigen, dass diverse Teams besse-
Halle-Wittenberg. Wenn Sie selbst schon re Entscheidungen treffen und resilienter
einmal dort gewesen sind, ist Ihnen si- arbeiten. Patientinnen und Patienten pro-
cherlich auch ein Name besonders aufge- fitieren von einer Medizin, die nicht nur
fallen: Dorothea Erxleben. Sie war die ers- fachlich exzellent, sondern auch empa-
te promovierte Ärztin in Deutschland 1754 thisch, kommunikativ und lebensnah ist.
und ebnete den Weg für Frauen in der Wis- Ärztinnen leisten hierzu einen unverzicht-
senschaft. Weitere bedeutende Frauen baren Beitrag – Tag für Tag.
folgten: Hedwig Kallmorgen, Rahel Hirsch, Mecklenburg-Vorpommern steht vor be-
Ingeborg Rapoport und viele weitere. Alle sonderen Herausforderungen: dem demo-
diese Frauen haben etwas gemeinsam. Sie grafischen Wandel, der Sicherstellung der
übten Medizin nicht einfach nur aus, son- Versorgung im ländlichen Raum und dem
dern gestalteten sie mit und dieses zum Foto: privat zunehmenden Fachkräftemangel. Gerade
Teil gegen erhebliche Widerstände. hier sind flexible Arbeitsmodelle, verläss-
Der Internationale Frauentag am 8. März liche Kinderbetreuung, transparente Kar-
ist daher Anlass, Bilanz zu ziehen: über das Erreichte, aber rierewege und eine Kultur der Wertschätzung entscheidend.
auch über das, was noch vor uns liegt. In der Medizin ist der Wer junge Ärztinnen für unser Land gewinnen und halten
Wandel unübersehbar. Frauen stellen heute mehr als die will, muss Rahmenbedingungen schaffen, die Vereinbarkeit
Hälfte der Medizinstudierenden, sie prägen den klinischen ermöglichen – für Frauen wie für Männer. Gleichstellung ist
Alltag, die ambulante Versorgung, die Forschung und die Leh- kein „Frauenthema“, sondern eine strukturelle Aufgabe.
re. In der Realität ärztlicher Karrieren zeigt sich jedoch wei- Der Internationale Frauentag erinnert uns daran, dass Fort-
terhin ein Ungleichgewicht. Führungspositionen in Kliniken, schritt nicht automatisch geschieht. Er braucht Haltung, En-
Professuren, leitende Funktionen in Körperschaften und Gre- gagement und den Mut, bestehende Strukturen zu hinterfra-
mien sind nach wie vor überwiegend männlich besetzt. gen. Er braucht Vorbilder, Mentorinnen und Mentoren, die
Gleichstellung ist eben noch keine Selbstverständlichkeit. fördern statt bremsen. Und er braucht Institutionen, die
Diese strukturellen Ungleichgewichte wirken sich nicht nur Chancengleichheit nicht nur proklamieren, sondern leben.
auf Karrierewege aus, sondern auch auf die medizinische Als ärztliche Selbstverwaltung tragen wir Verantwortung.
Versorgung selbst. Der in dieser Ausgabe veröffentlichte Bei- Verantwortung dafür, Diskriminierung entgegenzutreten,
trag zur geschlechtersensiblen Medizin (Seite 85) macht faire Bedingungen zu schaffen und den Dialog zu fördern.
deutlich, dass Gleichstellung nicht bei Repräsentation en- Verantwortung auch dafür, Erfolge sichtbar zu machen: die
det. Noch immer orientieren sich Forschung, Leitlinien und vielen engagierten Ärztinnen, aber auch Ärzte in Mecklen-
therapeutische Standards häufig an einem vermeintlich burg-Vorpommern, die mit Kompetenz, Leidenschaft und
„neutralen“ Patientenbild, das geschlechtsspezifische Un- Führungsstärke unsere medizinische Versorgung sichern.
terschiede unzureichend berücksichtigt. Die Folgen sind be-
kannt: verzögerte Diagnosen, unpassende Therapien und Der 8. März ist kein Feiertag im klassischen Sinne. Er ist ein
vermeidbare Risiken – für Frauen aber auch für Männer. Ge- Erinnerungstag – und ein Auftrag; nicht nur an einem Tag,
schlechtersensible Medizin ist damit keine Frage des Zeit- sondern an 365 Tagen im Jahr. Nutzen wir diese, um weiter-
geists, sondern Ausdruck ärztlicher Sorgfalt und wissen- zugehen auf dem Weg zu einer Medizin, in der Talent, Einsatz
schaftlicher Präzision. und Menschlichkeit zählen – unabhängig vom Geschlecht.
Dabei ist klar: Eine moderne Gesundheitsversorgung
braucht Vielfalt. Sie braucht unterschiedliche Perspektiven, Theresa Buuck
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