Page 8 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar 2026
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WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG




            2025: Internationale Fachtagung „Geschlechtsspezifische  Ausbildung und Lehre: Von der Nische
             Aspekte in der Chirurgie“ (Leitung: Prof. Dr.med. Sabine  zur Pflicht
             Bleiziffer, Dr. med. Elpiniki Katsari), DFG gefördert.
                                                                Während Niederlande, Österreich und Schweden Geschlech-
           Diese Tagungsreihe markiert die inhaltliche Evolution der   tersensible  Medizin  bereits  als  Pflichtcurriculum  etabliert
           geschlechtersensiblen Medizin – von theoretischer Grundla-  haben, bleibt Deutschland bei freiwilliger Integration – ein
           genforschung über pandemiespezifische Prävention bis hin   klarer struktureller Nachholbedarf, denn Geschlechtersensi-
           zur klinischen Umsetzung in der Chirurgie.           ble Medizin muss von der Nische zum verbindlichen Stan-
                                                                dard  werden.  Die  flächendeckende  Implementierung  ge-
           Politische Ambitionen und förderpolitische           schlechtersensibler Versorgung erfordert strukturelle Veran-
           Rahmenbedingungen                                    kerung jenseits von Wahlfächern.
                                                                Der aktuell geltende Nationale Kompetenzbasierte Lernziel-
           Politisch scheint die Ausgangslage für die geschlechtersen-  katalog Medizin (NKLM) 2.0 (veröffentlicht 27. April 2021) the-
           sible Medizin in Deutschland günstig wie nie zuvor. Sowohl   matisiert vereinzelt geschlechtsspezifische Aspekte; die In-
           das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)   halte sind jedoch nicht prüfungsrelevant konkretisiert und
           als auch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) haben   erfordern vorerst freiwillige Curriculumintegration. Die Ap-
           Frauengesundheit und geschlechtersensible Medizin zu kla-  probationsordnung-Reform (geplant 10/2027) integriert den
           ren Förderschwerpunkten erklärt. Programme zur Redukti-  NKLM mit Lernzielen zu Menopause, Endokrinologie und
           on des „Gender Data Gap“ sollen Studien konsequent nach   Geschlechterdifferenzen.
           Geschlecht differenzieren und Forschungslücken schließen,   In Mecklenburg-Vorpommern bietet die Landesärztekammer
           insbesondere zu Krankheitsbildern wie Endometriose, koro-  derzeit  keine  spezifischen  Fortbildungsmodule  zur  Ge-
           nare Herzkrankheit oder Menopause.                   schlechtersensiblen Medizin an, steht dem Thema jedoch
           In der Praxis bleiben diese Fortschritte jedoch fragmenta-  sehr offen gegenüber und fördert entsprechende Ansätze.
           risch. Zwar ist geplant, jährlich rund 15 Millionen Euro für     Die Universitätsmedizin Greifswald führt ein Wahlfach „Ge-
           3 Jahre in die geschlechtersensible Gesundheitsforschung   schlechtersensible Medizin“ im dritten Durchgang durch.
           fließen  zu  lassen,  doch  häufig  viele  Projekte  bleiben  auf
           symbolische Einzelinitiativen beschränkt. Eine verbindliche   Handlungsbedarf und Umsetzungsstrategien
           Forschungsstruktur oder nachhaltige Einbettung in Versor-
           gungssysteme existierten bislang kaum. Leitlinien, Quali-  Die Geschlechtersensible Medizin hat sichtbare Fortschritte
           tätsindikatoren und Routinedaten sind weiterhin überwie-  erzielt, steckt aber noch mitten im Übergang zwischen Ideal
           gend geschlechtsneutral – ein Widerspruch zur politischen   und Realität. Weitere Schritte bleiben entscheidend:
           Rhetorik.
           Auch gesellschaftlich bleibt erheblicher Nachholbedarf be-   Förderinitiativen müssen strukturelle Nachhaltigkeit si-
           stehen. Frauen tragen im Alltag überproportional viel Ge-  chern  –  durch  dauerhafte  Professuren,  verpflichtende
           sundheitsverantwortung, sind jedoch in gesundheitspoliti-  Studieninhalte und fest verankerte Qualitätsindikatoren
           schen Gremien und universitären Führungspositionen deut-  in der Regelversorgung.
           lich unterrepräsentiert.                              Förderpolitik bedarf kritischer Reflexion: Solange Projek-
           Obwohl zwei Drittel der Medizinstudierenden weiblich sind,   te nach Ablauf enden, bleibt ihre Wirkung begrenzt. Er-
           besetzen Frauen an Universitätskliniken lediglich 14 % der   forderlich sind langfristige Programme, die Forschung
           Chefarztstellen – exemplarisch bei den 38 kardiologischen   und Versorgung eng verzahnen und Ergebnisse dauerhaft
           Universitätskliniken ist Frau Prof. Dr. Constanze Schmidt   implementieren.
           (Göttingen, seit Juli 2025)  die erste und einzige Frau mit    Ausbildung und Weiterbildung sind Schlüsselfaktoren:
           Kardiologie-Lehrstuhl in Deutschland. Dies verdeutlicht: Wir   Geschlechtersensible Medizin muss prüfungsrelevant in
           sind in der medizinischen Führungsebene noch lange nicht   Studium und regelmäßiger Fortbildung aller Fachrichtun-
           dort angekommen, wo wir sein sollten. Zum Vergleich: In   gen verankert sein.
           Skandinavien  besetzen Frauen ca.  30% der Kardiologie-   Regionale Netzwerke brauchen mehr Sichtbarkeit und
           Lehrstühle (8/26) – immer noch nicht Parität, aber das 15-fa-  Unterstützung,  um  Expertise  und  bewährte  Praxis  flä-
           che von Deutschlands.                                   chendeckend zu stärken.


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