Page 6 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar 2026
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WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG




           30-Tage-Daten offenbaren höhere Komplikationsraten (1,72   Charité und fördern dort spezialisierte Studiengänge sowie
           bei Männern vs. 1,05 %  bei Frauen) inklusive Leckagen,   Forschung zu genderspezifischen Aspekten.
           Thrombosen und medizinischer Ereignisse sowie erhöhte   Im September 2025 lud unter der Schirmherrschaft der Deut-
           Mortalität. Auch nach Risikoanpassung bleibt männliches Ge-  schen  Gesellschaft  für  Geschlechtsspezifische  Medizin
           schlecht ein  unabhängiger Prädiktor. Klinische Implikationen   (DGesGM e.V. ) die Kongresspräsidentin Univ.-Prof. Dr. med.
           sind klar: Frühere Indikation    Männern vor Komorbi ditäten-  Ute Seeland gemeinsam mit der Universitätsmedizin Magde-
           Kumulation, geschlechtsspezifische präoperative  Aufklärung,   burg (UMMD) zum 11. Internationalen Kongress der Interna-
           intensiviertes perioperatives Monitoring und Thrombosepro-  tional Society for Gender Medicine (IGM) in die historische
           phylaxe. Geschlechtersensible Medizin schließt damit nicht   Johanniskirche ein. Unter dem Motto „Advancing Gender and
           nur Lücken für Frauen, sondern korrigiert systematische Un-  Sex Specific Medicine from Lab to Life“ kamen führende Ex-
           terschätzungen männlicher Risiken.                   pertinnen und Experten aus 11 Nationen zusammen, um
                                                                neueste  Forschungsergebnisse der  geschlechtersensiblen
            Gefäßchirurgie: Bauchaortenaneurysma (AAA) bei Frauen  Medizin zu diskutieren. Namenhafte Keynote-Sprecherinnen
                                                                und -sprecher wie Prof. Sabra Klein (Johns Hopkins Univer-
           Beim Bauchaortenaneurysma (AAA) dominiert zwar die   sity, USA), Prof. Ashlyn Swift-Gallant (Memorial University of
           männliche Prävalenz im Verhältnis 6:1, doch Frauen erleiden   Newfoundland, Kanada) und Prof. Marianne J. Legato (The
           deutlich ungünstigere Verläufe. Spätere Diagnose und Ope-  Foundation of Gender-Specific Medicine, USA) gaben wichti-
           ration im höheren Alter (76 vs. 72 Jahre bei Männern), selte-  ge Impulse zu Immunologie, Interdisziplinarität, Intersektio-
           neres endovaskuläres AAA-Repair (EVAR) zugunsten tech-  nalität, neurokognitiven Geschlechtsunterschieden sowie
           nisch anspruchsvoller offener Operationen trotz geringerer   systembiologischen Ansätzen bei Herz-Kreislauf-Erkrankun-
           kurzfristiger Belastung durch EVAR sowie häufigere Nachsor-  gen und Krebsgenese. Interaktive Workshops widmeten sich
           gekomplikationen wie Verlegungen und Rehabilitation prä-  dem Einsatz von Digitalisierung und KI im Gesundheitswe-
           gen den klinischen Alltag. Nach rupturiertem AAA liegt die   sen aus geschlechtersensibler Perspektive ebenso wie der
           In-Hospital-Mortalität bei Frauen deutlich höher mit 41,5 %   Erforschung von Geschlecht und Gesundheit in Zeiten des
           gegenüber 32,2 % bei Männern.                        Klimawandels.
           Die Ursachen sind vielfältig: Kleinere Gefäßdurchmesser er-
           schweren den EVAR-Zugang, anatomische Besonderheiten
           wie komplexere Aortenanatomie führen zu technischen He-
           rausforderungen  bei  Stentgraft-Implantationen  und  ge-
           schlechtsblinde Screenings verzögern die Diagnostik erheb-
           lich. Während die deutsche S3-Leitlinie (AWMF 004-014l)
           geschlechtsneutral bei einer Interventionsschwelle von ≥5,5
           cm bleibt, fordern internationale Studien und Gesellschaften
           wie ESC (2024) und VASCERN niedrigere Schwellen für Frau-
           en bei ≥5,0 cm. Auch kürzere Kontrollintervalle (6 statt 12
           Monate) und risikoadaptierte  Screenings für Raucherinnen
           ab 65 Jahren werden international diskutiert, während
           Deutschland Frauen derzeit vom Screening ausschließt.
           Die Konsequenz ist klar: Diese Evidenz unterstreicht die
           Dringlichkeit  geschlechtersensitiver Leitlinienentwicklung
           in der Gefäßchirurgie mit stratifizierten  Empfehlungen so-
           wie angepassten Screeningstrategien.

           Leuchtturmprojekte und internationale                Abb. 1: Prof. Dr. med. Stephan Kersting (Greifswald), Prof. Dr. med.
           Netzwerke                                            Ines Gockel, (Magdeburg) Dr.med. Lena Seidemann (Leipzig), Dr. med.
                                                                Laura Klotz (Heidelberg) Dr. med. Frederike Butz (Berlin) Prof. Dr.med.
                                                                Wolfram Kessler (Greifswald), Juni 2025, Internationale Tagung Ge-
           Leuchtturmprojekte und wachsende fachliche Netzwerke   schlechtsspezifische Aspekte in der Chirurgie, Alfried Krupp Wissen-
           entstehen an Hochschulen wie Magdeburg, Bielefeld und der   schaftskolleg Greifswald                             Foto: privat


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