Page 5 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar 2026
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WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG



      Geschlechtersensible Medizin:

      Zwischen Versorgungsrealität und


      politischen Ambitionen




      Elpiniki Katsari*

      Noch nie war die geschlechtersensible Medizin politisch so    Herzchirurgie: ROMA/ROMA: Women und CABG-Kompli-
      prominent positioniert – vom Davos World Economic Forum   kationen bei Frauen
      2026 bis zu den nationalen Förderprogrammen. Während
      das Bundesministerium für Forschung, Technologie und   In der Herzchirurgie zeigen große Datensätze, dass Frauen
      Raumfahrt und das Bundesministerium für Gesundheit Frau-  nach koronarer Bypass-Operation (CABG) seit Jahren eine
      engesundheit als Förderschwerpunkt erklären und 15 Milli-  deutlich höhere operative und langfristige Mortalität auf-
      onen Euro jährlich für 3 Jahre in den „Gender Data Gap“ in-  weisen als Männer. Metaanalysen beschreiben ein etwa
      vestieren wollen, erleben wir täglich die Konsequenzen ge-  1,7-fach erhöhtes Risiko für operative Mortalität bei Frauen
      schlechtsneutraler Leitlinien: verzögerte Diagnosen, falsche   (OR ≈ 1,7). Die zugrundeliegenden Ursachen umfassen spä-
      Medikamentendosierungen, unterschätzte Risiken.      tere OP-Zuweisung, höheres Alter sowie mehr Komorbiditä-
                                                           ten (Diabetes, Hypertonie, PAVK) gepaart mit technisch an-
      Die aktuelle Lage: Klinische Evidenz und             spruchsvolleren Bedingungen wie kleineren Koronargefäßen
      Versorgungsdefizite                                  und erhöhter Mikroangiopathie.
                                                           Die  ROMA-Studien  sowie  das  spezifische  Programm  ROMA:
      Fachlich hinkt die Umsetzung dem politischen Anspruch deut-  Women adressieren diese  Diskrepanz direkt: Sie analysieren
      lich hinterher. Zwar verankern europäische Regelwerke wie   geschlechtsspezifische Outcomes nach CABG und  evaluieren
      die ICH/EMA-Leitlinie (2005), die SAGER-Guidelines (2016) und   den Einsatz multiarterieller Bypässe (LIMA/RIMA). ROMA: Wo-
      Horizon Europe (seit 2021) Geschlechterdimensionen verbind-  men  fokussiert weibliche Risikoprofile, optimierte Einschluss-
      lich in Forschung und Publikation, doch in der praktischen   kriterien und angepasste  operative Strategien – besonders
      Versorgung bleibt vieles unverändert. Der „Gender Data Gap“   relevant, da Frauen in früheren Studien  systematisch unterre-
      zieht sich weiter durch klinische Studien, Arzneimittelzulas-  präsentiert oder in fortgeschrittenem Stadium eingeschlossen
      sungen und Leitlinienformulierungen. Noch immer sind Frau-  wurden. Ziel sind konkrete Empfehlungen zur Revaskularisati-
      en in Studien unterrepräsentiert, und geschlechtsspezifische   on sowie OP-Anpassungen (Graft-Auswahl, Spasmolyse, Wund-
      Analysen fehlen häufig in der Auswertung.            management), um Mortalität, Re-Operationen und Wundkom-
      In der klinischen Realität zeigt sich diese Lücke dramatisch:   plikationen nachweislich zu senken. Dies verdeutlicht: Ge-
      Verzögerte Diagnosen bei Endometriose, unzureichende Er-  schlechtersensible Medizin optimiert messbare, OP-nahe Pa-
      kennung weiblicher Herzinfarktsymptome oder die systema-  rameter weit über erhöhte Aufmerksamkeit hinaus.
      tischen Bias in der Medikamentendosierung sind keine
      Randprobleme, sondern Versorgungsfehler mit gesundheit-   Adipositaschirurgie: Erhöhte Komplikationsraten bei Män-
      lichen und ökonomischen Folgen. Auch das Problem des so-  nern
      genannten medical gaslighting – das Nicht-Ernstnehmen
      weiblicher Symptome – hält sich hartnäckig.          Im Gegensatz dazu kehrt sich das Risikomuster in der Adipo-
      Zur Veranschaulichung klinischer Relevanz jenseits klassi-  sitaschirurgie um: Männer weisen trotz vergleichbarer Präva-
      scher Beispiele wie Herzinfarkt und Endometriose illustrie-  lenz ein signifikant höheres Risiko für schwere postoperative
      ren folgende Evidenzen die Notwendigkeit geschlechtersen-  Komplikationen auf. Große Register wie MBSAQIP (Metabolic
      sitiver Ansätze:                                     and Bariatric Surgery Accreditation and Quality Improvement
                                                           Program) zeigen, dass Männer seltener operiert werden, je-
      * Fachärztin für Herzchirurgie - Fachärztin für Allgemeinchirurgie, InkE-BMFTR-Projekt   doch älter, mit höherem BMI und mehr Komorbiditäten (Hy-
      Kooperationspartnerin, Universitätsmedizin Greifswald, Gendermedizinerin DGesGM
      e.V., Stellvertretende Sprecherin AKGG-MV            pertonie, KHK, Diabetes, COPD, Schlafapnoe) präsentieren.


      AUSGABE 3/2026 36. JAHRGANG                                                                            Seite 85
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