Page 19 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Januar-Ausgabe 2025
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AKTUELLES
diskutiert werden und nicht nur jene, die die eigene Meinung niert. Wir müssen auf das setzen, was sich bewährt hat: Solida-
stützen. Die oft schwierigen Entscheidungen, die beispielswei- rität, Eigenverantwortung und die Stärke der Selbstverwal-
se der Gemeinsame Bundesausschuss trifft, könnten weder tung. Hier brauchen wir eine ehrliche Debatte. Wir dürfen nicht
durch Rechtsverordnungen des Bundesgesundheitsministeri- zulassen, dass diese Prinzipien durch gut gemeinte, aber
ums noch durch die ihm unterstellten Behörden besser und schlecht gemachte Reformen ausgehöhlt werden. Wir brau-
schneller erfolgen. Statt mehr Aufgaben an den Staat zu bin- chen ein Gesundheitssystem, das Ressourcen effizient nutzt
den, muss die Kooperation zwischen Politik und Selbstver- und denjenigen hilft, die wirklich Hilfe benötigen. Das bedeutet
waltung für eine gute und finanzierbare Versorgung systema- auch, mutig zu sein, nicht jedem Wunsch nachzugeben, son-
tisch weiterentwickelt werden. dern die Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie wirklich ge-
braucht werden.
Selbstverwaltung übernimmt Verantwortung
Prof. Josef Hecken,
Die Selbstverwaltung hat in Deutschland dafür gesorgt, dass unparteiischer Vorsitzender des
wir eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben. Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA)
Selbstverwaltung heißt für mich: Verantwortung zu überneh-
men – und zwar dort, wo es wirklich zählt, vor Ort und Tag für
Tag. Es war die Selbstverwaltung, die während der Corona-
Pandemie schnell und flexibel reagiert hat, als die staatliche
Bürokratie an ihre Grenzen stieß. Sie hat die Versorgung gesi-
chert und pragmatische Lösungen gefunden, während anders-
wo noch Papiere sortiert wurden. Es ist die Selbstverwaltung,
die in der Stadt oder auf dem Land die Versorgung der Patien-
tinnen und Patienten organisiert. Hinter dem recht abstrakten
Begriff Selbstverwaltung stehen Menschen, die z. B. in Zulas- Der Jurist Prof. Joseph Hecken
sungsausschüssen, Gremiensitzungen oder Verhandlungen ist als unparteiischer Vorsit-
darum ringen, das System zu verbessern. zender des Gemeinsamen Bun-
Wer Zweifel an der Selbstverwaltung in Deutschland hat, sollte desausschusses (G-BA) sicher-
einen Blick auf das staatlich gesteuerte System des National lich einer der einflussreichsten
Health Service (NHS) in Großbritannien werfen: Dort gibt es kei- Personen im deutschen Ge-
ne niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mehr. Verwaltungs- sundheitswesen. Über seinen
beamte steuern die Versorgung. Das heißt, werden die staatli- Schreibtisch laufen so gut wie
chen Mittel knapp, werden Behandlungen rationiert. Der Leis- alle Entscheidungen, die Leis-
tungskatalog wird von der Finanzlage bestimmt. Patientinnen tungen und Qualität der ge-
und Patienten werden zu Bittstellern. Ein solches System ist Foto: Rosa Reibke/G-BA setzlichen Krankenversiche-
nicht nur ineffizient, sondern für Ärztinnen und Ärzte wie auch rung betreffen. Seine Rede
für Patientinnen und Patienten gleichermaßen würdelos. beim 128. Deutschen Ärztetag im Mai 2024 in Mainz fand
Wir als Selbstverwaltung in Deutschland können stolz darauf großen Widerhall. Umso erfreuter sind wir, dass er uns
sein, was wir erreicht haben. Und wir dürfen nicht zulassen, dass eine seiner sonst so seltenen öffentlichen Einschätzun-
diese Leistung untergraben wird. Die Alternative wäre eine gen zu aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen
Staatsmedizin, die den Menschen nicht mehr in den Mittelpunkt gibt. Vieles davon ist durch die vorgezogene Bundes-
stellt, sondern die Verwaltung. Lassen Sie uns gemeinsam dafür tagswahl jetzt in der Schwebe. Dennoch mahnt Hecken
kämpfen, dass die Selbstverwaltung nicht nur erhalten bleibt, hier zu Wachsamkeit.Die aktuellen Herausforderungen
sondern gestärkt wird – für die Ärztinnen und Ärzte, für die Pati- in der Gesundheitsversorgung in Deutschland sind
enten und für die Zukunft unseres Gesundheitssystems. enorm: Demografie, Fachkräftemangel, Finanzen, wis-
senschaftlich-technischer Fortschritt, um nur die wich-
Fazit: Bewährte Prinzipien weiterentwickeln tigsten zu nennen. Die sich kumulierenden Probleme
Wer glaubt, dass man alles besser machen kann, indem man sind sehr groß, aber sie sind lösbar.
alles ändert, der riskiert, das zu verlieren, was wirklich funktio-
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