Page 18 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Januar-Ausgabe 2025
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AKTUELLES



           Selbstverwaltung ist Teil der Lösung






           Voraussetzung für dringend gebrauchte Lösungen wäre je-  bei Kindern –, ohne zuvor evidenzbasiert deren Nutzen zu prü-
           doch, dass die Politik bereit ist, Prioritäten zu setzen und   fen. Das widerspricht diametral dem Qualitäts- und Wirtschaft-
           die Symbolpolitik der letzten Jahre hinter sich zu lassen.   lichkeitsgebot, das für Leistungen der gesetzlichen Krankenver-
           Die Symbolpolitik der letzten Jahre war es, die das Gesund-  sicherung gilt. Dieser Gesetzentwurf ist ein Beispiel dafür, wie
           heitssystem in Richtung Staatsmedizin orientiert hat. Um   leichtfertig politisch entschieden wird, ohne die Auswirkungen
           nicht missverstanden zu werden: Diese Tendenz gab es be-  auf die Versorgungspraxis und die Finanzierbarkeit zu beden-
           reits vor der Ampel-Regierung, auch wenn sie sich mit ihr   ken oder welche Signale dadurch an die Gesellschaft gesendet
           weiter verstärkt hat. Einheitliche Begleitmusik bei den ver-  werden.
           schiedenen  parteipolitischen  Entscheidungsträgern  war   Die Botschaft dieses Gesetzes lautet sinngemäß: „Sorgt euch
           der Hang, die Selbstverwaltung zu schmähen und als Lob-  nicht um Ernährung oder Bewegung. Wir geben euch einfach ein
           bygruppen zu diffamieren. Ich sage es ganz deutlich: Wir als   Statin und das Problem ist gelöst.“ Das ist keine Prävention – das
           Selbstverwaltung sind nicht das Problem, können aber Teil   ist Medikalisierung in ihrer reinsten Form. Statt den Ursachen
           der Lösung sein – wenn man uns lässt. Die Selbstverwal-  von Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegenzuwirken – wie Be-
           tung mag nicht perfekt sein, aber sie hat über viele Jahr-  wegungsmangel, ungesunde Ernährung oder Stress –, wird hier
           zehnte  bewiesen,  dass  sie  funktioniert  und  das  Gesund-  ausschließlich auf pharmazeutische Intervention gesetzt. El-
           heitssystem trägt. Eine Staatsmedizin hingegen birgt für   tern wird signalisiert: „Ihr braucht euch nicht um die Gesundheit
           mich  enorme  Risiken:  für  Patientinnen  und  Patienten,   eurer Kinder kümmern, das System wird es schon richten.“ Das ist
           ebenso wie für Leistungserbringende.                 weder evidenzbasiert noch nachhaltig.
                                                                Prävention bedeutet, die Ursachen von Erkrankungen anzuge-
                                                                hen, nicht Symptome zu verwalten oder Risiken medikamentös
           Tendenz zur Staatsmedizin –                          zu deckeln. Bewegung, gesunde Ernährung und bewusste Le-
           Beispiel Gesundes-Herz-Gesetz                        bensführung sind die Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesund-
                                                                heitsförderung. Doch genau das wird durch das GHG ignoriert.
           Bislang ist das Verhältnis zwischen Staat und Selbstverwaltung   Stattdessen wird die Medikalisierung weiter vorangetrieben –
           klar: Der Staat definiert seine gesundheitspolitischen Ziele und   mit erheblichen finanziellen und gesellschaftlichen Kosten.
           legt im Sozialgesetzbuch den rechtlichen Rahmen für die Wei-  Das GHG steht symptomatisch für eine Entwicklung, die unsere
           terentwicklung der Gesundheitsversorgung fest. Die damit ver-  Gesundheitsversorgung in Gefahr bringt: Politische Entschei-
           bundenen  Detailaufgaben  delegiert  er  an  die  Selbstverwal-  dungen werden nicht mehr auf Basis der bestverfügbaren Evi-
           tung. Doch gerade in jüngster Zeit ist über eine Reihe von Ge-  denz getroffen, einzelne Studienergebnisse reichen. Man ver-
           setzesinitiativen der politische Wille zu erkennen, „mehr Staat“   zichtet darauf, die Erfahrung oder Expertise derjenigen einzu-
           zu wagen und Regelungen an sich zu ziehen – ohne sich um   beziehen, die täglich mit Patientinnen und Patienten arbeiten.
           Grundprinzipien des Sozialgesetzbuches zu interessieren oder   Das Ergebnis ist, dass es Gesetze gibt, die mehr Schaden an-
           Leistungsentscheidungen ausreichend wissenschaftlich zu be-  richten als sie nutzen.
           gründen.                                             Denkt man das im GHG sichtbare Prinzip „mehr Staat wagen“
           Ein deutliches Beispiel dafür ist der Entwurf zum „Gesundes-  weiter, zeigt sich: Politisch begründete Leistungsentscheidun-
           Herz-Gesetz“ (GHG) gewesen. Dass dieses Gesetz wegen des   gen würden sich dann an der Finanzlage oder individuellen
           politischen Aus der Ampelregierung aus SPD, Grünen und FDP   Vorlieben und persönlichen Ansichten orientieren. Verspre-
           die  restlichen  parlamentarischen  Hürden  vermutlich  nicht   chen auf neue Leistungen, egal wie medizinisch sinnvoll sie
           mehr passieren wird, wäre ein Gewinn. Natürlich ist das adres-  wären, könnten zum Wahlkampfgegenstand werden. Verlierer
           sierte Ziel richtig und unstrittig, wir müssen etwas gegen Herz-  sind in einem solchen Szenario jene, die keine Stimme haben
           Kreislauf-Erkrankungen tun. Die Frage ist aber, ob das GHG da-  und keine Verbindung in die Politik. Ein solches System halte
           für die richtigen Weichen stellt. Und da sage ich: Nein, das tut es   ich weder für sinnvoll, noch für erstrebenswert. Welche Leis-
           nicht. Denn es setzt auf neue Gesundheits-Check-ups und auf   tungen  in  das  Gesundheitssystem  aufgenommen  werden,
           die breitere vorbeugende Einnahme von Arzneimitteln – bereits   muss Ergebnis eines Prozesses bleiben, bei dem alle Fakten


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