Page 6 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar-Ausgabe 2025
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WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG



           Wieder auf den Beinen stehen – moderne

           Möglichkeiten des Gliedmaßenersatzes




           M. Saß, H. H. Aschoff, D.-C. Fischer, S. Märdian*



           Einleitung                                           weit proximal im Oberschenkel amputiert und eine adäquate
                                                                Stumpfbildung geschaffen werden. Im weiteren Verlauf wurde
           Für Frau O. war der 23. September 2024 ein besonderer Tag.   sie mit ihrer Familie in Deutschland aufgenommen und fand in
           Sie reiste von Schneeberg (Sachsen) nach Rostock zum „Auf-  Schneeberg eine Unterkunft. Hier wurde eine orthopädietech-
           stellen“, d. h. zum Anpassen ihrer neuen Beinprothese. Diese   nische  Versorgung  mit  konventioneller  Schaftprothese  ver-
           wurde an die knochenintegrierte Endo-Exo-Prothese ange-  sucht. Aufgrund des extrem kurzen Oberschenkelstumpfes ließ
           passt und ermöglicht damit wieder das selbständige Gehen.  sich jedoch keine sichere Prothesenankopplung realisieren. Die
                                                                dauerhafte  Rollstuhlpflichtigkeit  wollte  Frau  O.  (das  Einver-
           Der Verlust einer Gliedmaße kann mannigfaltige Ursachen ha-  ständnis der Patientin für die Fallbeschreibung liegt den Auto-
           ben. Die internationale Literatur ist sich einig, dass je proxima-  ren vor) jedoch nicht akzeptieren, so dass die Vorstellung an
           ler die Amputation einer unteren Extremität erfolgen muss,   der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie
           umso schlechter fällt die resultierende Funktion und Lebens-  der Universitätsmedizin Rostock mit der Frage nach einer mög-
           qualität der Patienten aus [1]. In Deutschland sind die häufig­  lichen osseointegrierten Prothesenversorgung (Endo-Exo-Pro-
           sten Indikationen zu Amputationen eine zugrundeliegende   these) erfolgte. Die
           periphere arterielle Verschlusskrankheit und Diabetes mellitus   Analyse zeigte eine
           [2]. Die Arbeitsgruppe um Walter et al. konnte aber auch zeigen,   Stumpflänge des pro-
           dass trotz medizinischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte   ximalen  Femurs von
           die Rate an Amputation weiter ansteigt [2].          5,5 cm, was einerseits
           Nicht zuletzt aufgrund der weltweit steigenden Anzahl an krie-  die sichere Anpassung
           gerischen Auseinandersetzungen, welche mit Extremitätenver-  einer konventionellen
           lusten einhergehen, sowie der steigenden Amputationsraten   Schaftprothese  trotz
           aus anderen Gründen, ist die Auseinandersetzung mit neuen   bester  orthopädie-
           technisch innovativen Wegen zur Rekonstruktion der verlore-  technischer Möglich-
           nen Extremitäten immanent wichtig.                   keiten    unmöglich
           Der beschriebene Fall zeigt beispielhaft, welche Möglichkeiten   machte, andererseits   Abb. 1: präoperative 3D-Darstellung der
           heute bestehen, um anhaltende Immobilität zu vermeiden und   aber  auch  eine  nur   durchgeführten Computertomographie
           Patienten nach Verlust einer Extremität ein hohes Maß an Funk-  kurze Verankerungs-  (CT). Wie deutlich erkennbar, wurde das
                                                                                     Femur sehr weit proximal direkt unter
           tion und Lebensqualität zu ermöglichen.              strecke für eine osseo-  dem Trochanter minor abgesetzt, sodass
                                                                integrierte Prothese   eine konventionelle prothetische Schaft-
           Vorgeschichte                                        darstellte (s. Abb. 1).  versorgung nicht möglich war.


           Vorausgegangen war ein tragischer Verlauf, verursacht durch   Präoperative Planung und Durchführung
           die kriegerische Auseinandersetzung in der Ukraine. Nach initi-
           aler Bergung aus dem bombardierten Mariupol mit schwerster   Anhand der durchgeführten Dünnschicht-CT-Untersuchung in-
           Verletzung der rechten unteren Extremität konnten unter wid-  klusive multiplanarer 3D-Rekonstruktionen wurde zunächst
           rigen äußeren Umständen die Vitalfunktionen der Patientin   eine computersimulierte Planung erstellt und damit die grund-
           stabilisiert und somit ihr Überleben gesichert werden. Dabei   sätzliche Realisierbarkeit einer ossoeintegrierten Versorgung
           war die rechte untere Extremität nicht zu erhalten und musste   geprüft.  Nachdem  diese    als  realistisch  eingeschätzt  wurde,
                                                                erfolgte die Herstellung der patientenspezifischen Implantate
           * Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Universitätsmedizin
           Rostock                                              durch die Firma OTN Implants Nijmegen, Niederlande.


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