Page 13 - Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Februar 2026
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DER BESONDERE FALL
HIV in der Hausarztpraxis
Eine 41-jährige, nicht vorbekannte Patientin stellt sich in lichen und psychischen Zustandes im Vergleich mit den vorhe-
der hausärztlichen Sprechstunde vor. Als Behandlungsan- rigen Untersuchungen. Klinisch ergaben sich erneut keine Auf-
lass werden Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust fälligkeiten, jedoch zeigte sich eine neu aufgetretene Gangun-
und Amenorrhoe seit drei Monaten angegeben. In der nach- sicherheit sowie psychische Auffälligkeiten (lapidares Verhal-
folgenden Diagnostik zeigten sich subakute Marklagerblu- ten), so dass eine eilige Überweisung zur Bildgebung erfolgte.
tungen sowie punktförmige Blutungen in der Capsula ex- Diese wurde noch am selben Tag durchgeführt und ergab laku-
terna. Im Ergebnis einer umfangreichen Diagnostik wurde näre Blutungen im Caput nuclei caudati und im linken Linsen-
die Diagnose einer HIV-Erkrankung gestellt. kern mit Schrankenstörung sowie diffuse Schrankenstörungen
des linksseitigen Marklagers ohne abgrenzbaren Tumorbefund.
Da die Patientin nur ukrainisch spricht, hat sie als Unterstüt- Bei Verdacht auf eine Vaskulitis DD hypertensive Enzephalopa-
zung ihre Eltern mitgebracht. Eine Übersetzung kann nur mit- thie wurde die Patientin zur weiteren Abklärung in Rücksprache
tels Übersetzungsapp erfolgen. Die Patientin gibt Müdigkeit, mit den Neurologen eingewiesen. Hier ergab sich dann in Zu-
Abgeschlagenheit, einen Gewichtsverlust von drei kg und Ame- sammenschau der Befunde der Verdacht auf eine HIV-Infektion
norrhoe seit drei Monaten an. Die weitere Anamnese gestaltet mit HIV-Enzephalopathie sowie dem Verdacht auf eine zerebra-
sich unauffällig. Die Patientin ist wegen des Krieges aus der Uk- le Toxoplasmose, die sich auch in der weiteren Diagnostik be-
raine mit ihren Eltern und ihrer Tochter (13 Jahre) geflohen. stätigte. Obwohl unmittelbar mit der Therapie begonnen wur-
Psychosozial belaste sie die gegenwärtige Situation, da auch de, zeigt die Patientin deutliche kognitive und neurologische
das ehemalige Wohnhaus der Familie zerstört wurde. Eine psy- Einschränkungen, die auch jetzt noch (zwei Jahre nach Erstdiag-
chosomatische Grundlage ihrer Beschwerden wird von der Pa- nose) fortbestehen. Mittlerweile hat die Patientin einen Pflege-
tientin jedoch verneint. Aktuell arbeite sie in einem Super- grad vier und ist auf die ständige Hilfe ihrer Eltern angewiesen.
markt. Mit ihrer Arbeit sei sie zufrieden. Trotz Ergotherapie und Physiotherapie muss eine zunehmende
In der klinischen (inkl. neurologischen Untersuchung) zeigten Verschlechterung festgestellt werden.
sich keine Auffälligkeiten. Auch die zeitnah erhobenen Befunde Dieser Fall zeigt deutlich, dass durch die zunehmende Globali-
der Labordiagnostik (Fette, Transaminasen, Blutbild, Blutglu- sierung, sowie die zunehmende Versorgung von Geflüchteten
kose, CRP, TSH, Vitamin B12, Crea, Hepatitis C/B) und die abdo- und Migrantinnen und Migranten andere und auch für uns sel-
minelle Sonographie ergaben initial keine Auffälligkeiten. Auf- tenere Erkrankungen mitgedacht werden sollten. Die HIV-Prä-
grund der Amenorrhoe erfolgte eine eilige Überweisung zur valenz in der Ukraine wurde im Jahr 2019 bezogen auf die Ge-
gynäkologischen Praxis. In der gynäkologischen Untersuchung samtbevölkerung auf 0,9-1,0 Prozent geschätzt. Zum Vergleich:
zwei Wochen später zeigten sich auch keine Auffälligkeiten. Die in Deutschland liegt sie bei 0,1 Prozent. Theresa Buuck
gynäkologische Kollegin veranlasste eine Überweisung zur
MRT-Untersuchung des Kopfes, weil die Patientin ihr über seit ANZEIGE
kurzem bestehender Vergesslichkeit berichtete. Außerdem ver- RA Martin Wenzel
anlasste sie aufgrund einer akuten neuen Schwellung des lin- Fachanwalt für Strafrecht
ken Unterschenkels eine weitere Abklärung in der Klinik, um Mitglied der Deutschen Anwalts-, Notar- und Steuer-
eine Thrombose auszuschließen. In der Notaufnahme (sechs beratervereinigung für Erb- und Familienrecht e.V.
Wochen nach Erstvorstellung in der Praxis) erfolgte eine erneu- RAe Ernestus Daub & Coll.
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te Blutentnahme, die nun einen Eisenmangel und eine Anämie 18055 Rostock Telefax (0381) 4903175
zeigte. Eine Thrombose konnte ausgeschlossen werden. In Zu- www.ernestus-daub.de wenzel@ernestus-daub.de
sammenschau der Befunde ergab sich der Verdacht auf eine Kompetenz.Erfahrung.Augenmaß.
Anorexie, worauf eine weitere stationäre Abklärung nach einer
Woche vereinbart wurde. Eine erneute abdominelle Sonogra- Erbrecht
Errichtung von Testamenten und Erbverträgen
phie sowie eine Gastroskopie und Koloskopie ergaben unauffäl- Vertretung von Erben und Pflichtteilsberechtigten
lige Befunde, so dass die Patientin in die Häuslichkeit entlassen Familienrecht
wurde. Bei der erneuten hausärztlichen Vorstellung einen Tag Errichtung von Eheverträgen und Scheidungsfolgenvereinbarungen
danach zeigte sich eine radikale Verschlechterung des körper- Vertretung in Scheidungs- und Unterhaltsangelegenheiten
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